BOTSCHAFT FÜR DAS TREFFEN FÜR DIE BEFREIUNG DER TIERE UND DER ERDE
SEPTEMBER 2010

Zu meinem grossen Leidwesen kann ich nicht an diesen sehr wichtigen drei Tagen
teilnehmen, am ersten Treffen zur Befreiung der Tiere und der Erde, aber in
Gedanken und mit meinem Herzen bin ich dort bei euch. Ich sende euch diese
Botschaft und eine feste Umarmung.
Wir werden unaufhörlich von unendlich vielen toxischen Substanzen bombardiert,
die in die Luft, die Erde, in Flüsse und Meere ausgestossen werden; von
industriellen und technologischen Schädlichkeiten überflutet. Biotechnologien
und Nanotechnologien durchdringen das gesamte Gewebe dieser Gesellschaft.
Vergiftet, als Versuchstiere und Ersatzteillager betrachtet, bis ins innerste
unserer Körper vergewaltigt… zwischen Entfremdung und einer Welt aus
elektronischen Schaltkreisen …
Tag für Tag, gerade in diesem Augenblick, wird ein Teil des Amazonasurwalds für
immer vernichtet. Uns unbekannte Tier- und Pflanzenarten sind am aussterben,
wegen den zerbrechlichen Verbindungen und Gleichgewichten der natürlichen Welt
werden mit ihnen viele Arten aussterben. Die Vernichtung von Ökosystemen und
ihrer Biodiversität, die andauernden Plünderung ihrer „Ressourcen“ wegen dem
Energiebedarf des industriellen Systems und die Klimaveränderungen ist eine Last
mit furchtbaren und irreversiblen Folgen für den gesamten Planeten und für jedes
Lebewesen und kann nicht als zweitrangig betrachtet werden. Wie auch die
radikalen Umweltkämpfe gegen dieses System, das auf dem Fortschritt der
wissenschaftlichen und technologischen Entwicklung basiert.
Dieselben Multis, die hier bei uns ihre Geschäftssitze und Forschungszentren
haben und ihre Macht und Projekte auf heimtückischste Art und Weise verbreiten,
machen im Süden der Welt keinen Hehl aus ihrem mörderischen Wesen. Für die ihrer
Kenntnisse beraubten BäuerInnen, die von den Biotech-Multis wie Monsanto
gezwungen werden sterile GVO-Samen anzupflanzen, und für die letzten in den
Urwäldern überlebenden Stämme, die aussterben um Platz zu machen für
Soja-Monokulturen und Biokraftstoffanbau, handelt es sich um eine
Überlebensfrage.
Nicht reagieren ist gleich sterben. Mit der Waffe in der Hand widerstehen sie
dem Vordringen der Multis und der Zivilisation. Ihr Widerstand ist auch unser
Widerstand, ist Teil desselben Kampfes.
Der Kampf zur Befreiung der Tiere und der Erde sind Teile desselben Weges, und
können nicht voneinander gespalten und getrennt betrachtet werden.
Jedes Lebewesen ist an denselben Faden der Ausbeutung gebunden. Es ist dasselbe
System, dasselbe anthropozentrische Paradigma, das jedes Lebewesen reifiziert
und zur schlichten Nummer, Ware, zum Schlachtvieh und Kanonenfutter, zur zum
Verbrauch bestimmte Ressource, zum zu sezierenden Organhaufen, zur Ansammlung
von Zellen, Genen und Atomen, die geformt und modifiziert werden müssen,
reduziert …
Die vielen Ausbeutungs- und Unterdrückungsvorhaben des Systems sind wie viele
Dimensionen, die sich gegenseitig durchdringen und miteinander verschmolzen
sind, und ein dichtes Verbindungs- und Beziehungsnetz bilden. Eine spezifische
Frage aus diesem engmaschigen Netz loszulösen, heisst den Kontakt mit der uns
umgebenden Wirklichkeit zu verlieren und die Fähigkeit zu verlieren, die
Entwicklungen der Herrschaft zu begreifen.
Wir müssen uns fragen gegen was wir opponieren, ob gegen die Herrschaft in allen
ihren Ausdrücken; wenn wir spezifische Projekte vorantreiben, müssen wir die
Notwendigkeit der Vereinigung der Befreiungskämpfe erkennen. Und nie den Antrieb
verlieren, der uns zur Konfliktbereitschaft mit der gesamten Gesellschaft
drängt, der sich nicht mit Worten zufriedenstellen lässt und sich hinter ihnen
versteckt, sondern sie zur Praxis werden lässt.
„Protestieren heisst sagen, dass uns etwas nicht passt, und uns widersetzen
heisst dafür zu sorgen, dass das, was uns nicht passt, nicht mehr geschehen
kann“ (Ulrike Meinhof, RAF-Militante).
Uns zu widersetzen heisst den Feind konkret zu machen, ihn bekannt und sichtbar
zu machen; heisst, unser Gefühl und Denken konkret zu machen.
Nur wenn wir die Tierbefreiungskämpfe und die radikalen Umweltkämpfe in eine
Einheitsfront vereinen, werden wir imstande sein uns der Vielschichtigkeit und
Tiefe der Herrschaft entgegenzusetzen, mit einem Kampf, der die Oberfläche
durchbricht um jede Ausbeutungsform am Ursprung und gesamthaft aus den Angeln zu
heben.
Wir könnten sagen der eingeschlagene Weg sei einfach, dass wir keine Fehler
begehen und viele Siege erringen werden. Wahrscheinlich würden wir so mehr
Militante gewinnen, aber so, ohne vorbereitet zu sein wenn die ersten
Schwierigkeiten auftauchen, wenn sie dann auftauchen, kann die gesamte Bewegung
zusammenbrechen. Um das zu verhindern, müssen wir uns der Tatsache bewusst sein,
dass der Weg in Wirklichkeit lang und verschlungen und voller Hindernisse ist,
die uns manchmal unüberwindlich scheinen werden. Wir werden Fehler begehen,
Niederlagen erleiden, einige werden den Kampf aufgeben und wir werden uns mit
der Repression auseinandersetzen müssen… aber obwohl der uns umgebende
Zusammenhang immer trostloser scheint und die Vermittlung unserer Botschaften in
ihrer Radikalität immer schwieriger wird, wer, wenn nicht wir uns zum Kampf
entscheiden, wer, wenn nicht du dich zum Kampf entscheidest, wird es denn tun?
Wann, wenn nicht jetzt, den Kampf aufnehmen? Wenn wir abwarten, wenn du
abwartest, wird es zu spät sein…
Angesichts des uns umgebenden Szenariums, wenn wir von Ohnmacht und Verzagtheit
übermannt werden, dürfen wir nicht an diese Gefühle glauben, sondern sie in
Bewusstheit und Kraft umkehren. Im Kopf wirbelt die Frage: „Was können wir tun?
Was können wir denn gegen all das tun?“
Als Antwort genügt einfach anfangen von dem vom System vorgegebenen Kurs
abzuweichen, die Bahn der Ereignisse aufhalten, von der uns die Mächtigen
weismachen wollen, sie sei unausweichlich.
Alle von uns sind unersetzlich, auch nur ein einziges Individuum kann den
Unterschied machen, kann einen Käfig öffnen, und kein Preis wird je zu hoch sein
um ein Leben gerettet zu haben… Mehrere Individuen können zum Stock im Räderwerk
dieses Systems werden und es in einem seiner Lebensnerven treffen. Wenn alle
Personen, die zum ersten Mal an diesem Treffen teilnehmen, sich konkret und
nachhaltig einsetzen werden, können neue Kampagnen entstehen und die schon
existierenden Projekte stärker werden und wachsen. Zusammen werden wir eine
Bewegung zur Befreiung der Tiere und der Erde mit der Kraft der ihr eigenen
Radikalität entwickeln können, aus mehreren spezifischen Richtungen und
Projekten bestehend, aber vereint von derselben Liebe, demselben Hass, derselben
Wut, mit dem Feuer derselben Leidenschaft und Dringlichkeit im Herzen um den
Kampf gegen alle zu führen, die welche Lebewesen auch immer und die Erde
ausbeuten und töten, im Streit mit dem gesamten Bestehenden.
Ohne Angst vor Fehlern, denn daraus werden wir lernen und uns von ihnen noch
bewusster und stärker wieder erheben. Ohne Angst vor Repression, denn es gibt
keine grausamere Käfige als die, wo Millionen Tiere eingesperrt sind. Denn
angesichts eines sterbenden Planeten müssen wir den Mut erlernen um unsere
Freiheit zu riskieren, weil die grössten Käfige die sind, die wir selbst um
unsere Herzen und unseren Geist erbauen und aus Gleichgültigkeit und Ausreden,
um nicht zu handeln, gemacht sind…
Unter der Haut jenes Schaudern, das uns bis zum letzen Atemzug das Leben
geniessen lässt, atemlos, mit rasendem Herzschlag und immer fest geballter
Faust. Mit der Gewissheit, mit allen unseren Kräften und bis zum Letzten zu
kämpfen… Wir erheben den Blick zu den Sternen und erobern den Himmel…
Allen freien und wilden Geistern
Die es bleiben auch wenn sie hinter den Gitterstäben eines Knastes oder eines
Käfigs sind.
Freiheit für Costantino Ragusa, Luca Bernasconi, Marco Camenisch und alle
revolutionären Gefangenen
Silvia Guerini, Knast Biel, Schweiz, Juli 2010