Derjenige, der der Kopf der Aktion zu sein schien,
entschuldigte sich vage für den ganzen Zirkus,
und erklärte, dies sei die Schuld der Behörden da oben,
wo sich allerlei Leute tummelten, die es auf uns abgesehen hatten.
Heute sind meine Entführer immer noch auf freiem Fuß.
Bestimmte verschiedene neue Fakten bestätigten sogar,
dass sie weiterhin ganz ungestraft ihr Unwesen treiben.

Zu den Sabotagen an den Oberleitungen der SNCF in Frankreich
hat man sich in Deutschland bekannt. Was sagen Sie dazu?

Im Moment unserer Festnahme ist die französische Polizei bereits
im Besitz desBekennerschreibens nicht nur bezüglich der Sabotagen,
die man uns anhängen will,sondern auch anderer Angriffe,
die zeitgleich in Deutschland verübt wurden. Dieses Flugblatt weist
zahlreiche Ungereimtheiten auf: es ist in Hannover aufgegeben worden,
auf Deutsch verfasst und ausschließlich an Zeitungen auf der anderen
Seite des Rheins geschickt worden, aber vor allem stimmt es nicht überein
mit der Mediengeschichte über uns, jener des kleinen Kerns von Fanatikern,
die den Angriff in das Herz des Staates bringen, indem sie drei Eisenspitzen
in den Oberleitungen aufhängen. Seitdem achtet man darauf,
dieses Kommuniqué nicht zu oft zu erwähnen, weder im Verfahren,
noch in der öffentlichen Lüge.
Es ist wahr, dass die Sabotage der Eisenbahnlinien damit viel von ihrer Aura
des Mysteriösen verliert: es handelte sich einfach darum, gegen den Transport
von ultraradio-aktivem Atommüll nach Deutschland auf dem Schienenweg zu
protestieren und nebenbei den großen Nepp „der Krise“ anzuprangern.
Das Kommuniqué schließt damit ab, sehr im Stil der SNCF, wir bedanken uns
bei den Fahrgästen der betreffenden Züge für ihr Verständnis“.
Was für ein Takt, also wirklich, bei diesen „Terroristen“!

Erkennen Sie sich wieder in der Bezeichnung als „anarcho-autonome
Bewegung“ und als „ultralinks“?

Lassen Sie mich ein bisschen ausholen. Wir leben gegenwärtig in Frankreich
am Endeeiner Periode historischen Frosts, dessen Entstehungsmoment die
Übereinkunft in derVergangenheit war zwischen Gaullisten und Stalinisten
im Jahre 1945, das Volk zu entwaffnen unter dem Vorwand,
einen Bürgerkrieg zu verhindern“. Die Bedingungendieses Paktes könnte
man auch so formulieren, der Schnelligkeit halber: während die Rechte auf
ihre offen faschistischen Akzente verzichtete, gab die Linke untereinander
jede ernsthafte Perspektive der Revolution auf. Der Vorteil, den die
Sarkozy-Clique seit vier Jahren ausspielte und ausspielt, ist es, einseitig
die Initiative ergriffen zu haben, diesen Pakt zu brechen, ohne Komplexe“
wieder anzuknüpfen an die Klassiker der puren Reaktion – über die
Geistesgestörten, die Religion, den Westen, Afrika, die Arbeit,
dieGeschichte Frankreichs oder der nationalen Identität.

Angesichts einer solchen Macht im Kriegszustand, die es sich erlaubt,
strategisch zudenken und die Welt aufzuteilen in Freunde, Feinde und
zu vernachlässigende Größen, bleibt die Linke erstarrt zurück. Sie ist
zu feige, zu kompromittiert, kurz und gut zu sehr in Misskredit, um einer
Macht auch nur den geringsten Widerstand entgegen zu setzen, die sie
sich nicht wie einen Feind zu behandeln traut, der ihr eines nach dem
anderen die schlauesten unter ihren Elementen raubt. Was die extreme
Linke à la Besancenot betrifft, ganz gleich wie ihre Wahlergebnisse
ausfallen, sie endet im selben Splittergruppendasein, in welchem sie
schon immer dahinvegetiert, und hat keine wünschenswertere Pespektive
anzubieten als die sowjetische Eintönigkeit, kaum auf Photoshop retuschiert.
Ihr Schicksalist es, zu enttäuschen.

In der Sphäre der politischen Repräsentation hat die herrschende
Macht nichts und niemanden zu fürchten. Und es sind sicherlich nicht
die gewerkschaftlichen Bürokratien, käuflicher als jemals zuvor, die
sie belästigen werden, sie, die seit zwei Jahren mit derRegierung ein
dermaßen obszönes Ballett tanzen.

Unter diesen Bedingungen ist die einzige Kraft, die im Stande ist, der
SarkozybandeWiderstand zu leisten, ihr einziger wirklicher Feind in
diesem Land, die Straße,die Straße und ihre alten Neigungen. Sie allein
konnte sich in den Tumulten, die auf diezweite Runde des Volksentscheides
im Mai 2007 folgten, wirklich einen Augenblick an dieSpitze der Situation
setzen. Sie allein konnte, auf den Antillen oder in den kürzlichenBlockaden
von Unternehmen oder Unis, einer anderen Parole Gehör verschaffen.

Diese knappe Analyse der sich im Spiel befindenden Kräfte hatte sich
früh durchgesetzt, da die Geheimdienste schon im Juni 2007 unter der
Federführung beauftragter Journalisten (und namentlich von Le Monde)
die ersten Enthüllungsartikel erscheinen ließen über die schreckliche
Gefahr, die der Einfluss der „Anarcho-Autonomen“ auf das ganze
gesellschaftliche Leben haben würde. Man unterstellte ihnen als Erstes
die Organisierung von spontanen Tumulten, die in so vielen Städten den
„Wahlsieg“ des neuen Präsidentengegrüßt haben.

Mit dieser Fabel der „Anarcho-Autonomen“ hat man das Profil der
Drohung entworfen, um die sich der Innenminister folgsam bemüht,
gezielte Festnahmen bei medien-wirksamen Razzien, die ein wenig Fleisch
und ein paar Gesichter ergeben. Wenn man es nicht mehr schafft,
zu unterdrücken, was über die Ufer tritt, kann man ihm immer noch
einen Fall anhängen und es deswegen einsperren. Oder jene (Fabel der)
der „Randalierer“, wo sich kunterbunt durcheinander die Arbeiter von
Clairoix, die Kinder aus den Städten, die blockierenden Studenten und
die Gipfel-Demonstranten begegnen, (zugegeben immerwirksam für die
tagtägliche Sicherstellung des sozialen Friedens) erlaubt es, die Taten
zu kriminalisieren, nicht die Existenzen. Und es liegt sehr wohl in der Absicht
der neuen Macht, sich mit dem Feind als solchem anzulegen, ohne darauf
zu warten, dass er sich äußert. Das ist die Aufgabe der neuen Kategorien
der Repression.Schließlich zählt es wenig, dass sich in Frankreich niemand
findet, der oder die sich als Anarcho-Autonome(r)“ bekennt, auch nicht,
dass die Ultralinke eine politische Strömungist, die ihre Glanzzeit in den
Zwanziger Jahren hatte und die später nie etwas anderes zustande
gebracht hat als einige harmlose Bände Marxologie. Ansonsten ist das
jüngste Glück des Begriffes „Ultralinke“, welcher es bestimmten eiligen
Journalisten erlaubte, die griechischen Aufrührer des letzten Dezember
widerstandslos zu katalogisieren, der Tatsache geschuldet, dass niemand
weiß, was die Ultralinke ist, und dass es sie niemals gegeben hat.

An diesem Punkt und im Hinblick auf die Ausschreitungen, die nicht
anders können als sich zu systematisieren angesichts der
Provokationen einer französischen und Weltoligarchie in Bedrängnis,
der polizeiliche Nutzen dieser Kategorien wird bald kein Anlass für
Debatten mehr sein. Es lässt sich jedoch nicht voraussehen, ob der
Begriff der Anarcho-Autonomen“ oder der „Ultralinken“ am Ende
den Sieg des Spektakels davontragen wird, um eine Revolte in die
Unerklärbarkeit zu verbannen, die vollkommen gerechtfertigt ist.

Die Polizei betrachtet Sie als den Anführer einer Gruppe, die im Begriff ist,
in den Terrorismus umzukippen. Was denken Sie darüber?

Eine dermaßen lächerliche Behauptung kann nur einem Regime
zugeschrieben werden, das im Begriff ist, ins Nichts umzukippen.

Was bedeutet für Sie das Wort Terrorismus?

Durch nichts lässt sich erklären, warum die Abteilung des
Geheimdienstes und deralgerischen Sicherheit, die verdächtigt werden,
vor den Augen der Spionageabwehr die Attentatswelle von 1995
organisiert zu haben, nicht zu den internationalen terroristischen
Organisationen gezählt werden. Auch lässt sich durch nichts die
unerwartete Umwandlung erklären des „Terroristen“ in den Helden
des Freiheitkampfes, den akzeptablen Partner für die Abkommen von
Evian, den irakischen Polizisten oder den „ moderaten Taliban“ unserer
Tage, ganz nach den letzten Umschwüngen der amerikanischen
strategischen Doktrin.

Nichts, außer die Souveränität. Ein Souverän in dieser Welt ist derjenige,
der denTerroristen definiert. Wer sich weigert, an dieser Souveränität
teilzuhaben, wird sich sehr hüten, auf Ihre Frage zu antworten. Wer
davon einige Krümel abbekommen will, wirddieser Bitte unverzüglich
nachkommen. Wer nicht an bösem Glauben erstickt, wird an dem Fall
jener beiden Ex-„Terroristen“ ein bisschen etwas Lehrreiches finden,
von denender eine Premierminister von Israel wurde, der andere
Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, und die beide
obendrein den Friedensnobelpreis erhielten.Die Verschwommenheit,
die die Qualifikation des „Terrorismus“ umgibt, dieoffensichtliche
Unmöglichkeit, ihn zu definieren, ist nicht auf eine vorläufige Lücke
derfranzösischen Gesetzgebung zurückzuführen: sie liegen am Ursprung
dessen, was man dagegen sehr wohl definieren kann: des Antiterrorismus,
dessen Funktionsbedingung erbildet. Der Antiterrorismus ist eine
Herrschaftstechnik, welche ihre Wurzeln in die alteKunst des
Gegenaufstandes taucht, des so genannten „psychologischen“ Krieges,
um auf Hochglanz zu bleiben.

Der Antiterrorismus, ganz im Gegensatz zu dem, was der Begriff
unterstellen möchte, istnicht ein Mittel, um gegen den Terrorismus zu
kämpfen, er ist die Methode, womit man ihn produziert,
positiv ausgedrückt, der politische Feind in der Eigenschaft als
Terrorist.Es handelt sich darum, mit einer Fülle von Provokationen,
Infiltrierungen, vonÜberwachung, Einschüchterung und Propaganda,
mit einer ganzen Wissenschaft derMedien-Manipulation, von
„psychologischen Maßnahmen“, der Fabrizierung von Beweisen und
Verbrechen, auch durch den Zusammenschluss von Polizei und
Rechtsprechung die „subversive Bedrohung“ zu vernichten, indem im
Schoße der Bevölkerung der innere Feind, der politische Feind mit
dem Affekt von Angst und Schrecken assoziiert wird.

Das Wesentliche im modernen Krieg ist diese „Schlacht der Herzen und
der Köpfe“, in der alle Mittel erlaubt sind. Das grundlegende Verfahren
hier ist unverändert: den Feindindividualisieren, nachdem er aus dem
Volk und dem gemeinsamen Grund heraus-geschnitten wurde, ihn im
Monsterkostüm auszustellen, ihn zu diffamieren, öffentlich zu
demütigen, die Nichtswürdigsten zu ermuntern, ihn zu quälen und zu
bespucken, sie zum Hass anzustiften. „Das Gesetz muss lediglich wie eine
weitere Waffe im Arsenal der Regierung gebraucht werden und
repräsentiert in diesem Fall nichts weiter als ein propagandistischer
Deckmantel, um sich der unerwünschten Mitglieder der Bevölkerung
zu entledigen. Für die höchstmögliche Effektivität müssen die Tätigkeiten
derJustizbehörden an die Kriegsanstrengungen gebunden sein in einer so
diskret wie möglichen Art und Weise“, empfahl schon 1971 der
Brigadeführer Frank Kitson (ehemaliger General der britischen Armee,
Theoretiker des gegenaufständischen Krieges), der wusste wovon
er sprach.

Einmal ist keinmal, in unserem Fall ist der Antiterrorismus glatt
durchgefallen. Man ist inFrankreich nicht bereit, sich durch uns
terrorisieren zu lassen. Meine Haftverlängerung um eine „angemessene“
Dauer ist eine kleine Rache, sehr begreiflich in Anbetracht der
eingesetzten Mittel, und der Intensität des Scheiterns; sowie die etwas
armselige Hartnäckigkeit der „Behörden“ seit dem 11. November
begreiflich ist, uns auf dem Wegeder Presse die seltsamsten Missetaten
zu unterstellen oder den geringsten unserer Gefährten auszuspionieren.
Wie viel Einfluss diese Logik der Vergeltung auf die Polizei-institution
hat, und auf das kleine Herz der Richter, das wird das Verdienst der
Enthüllung sein der Kadenz der jüngsten Festnahmen derer, „die Julien
Coupat nahestehen“. Es muss gesagt werden, dass einige in dieser Sache
einen ganzen Abschnitt ihrerjämmerlichen Karriere aufs Spiel setzen,
wie Alain Bauer (Kriminologe), andere die Präsentation ihrer neuen
Ämter, wie der arme M. Squarcini (Direktor des Inland-Geheimdienstes),
andere noch die Glaubwürdigkeit, die sie niemals hatten und niemals
haben werden, wie Michèle Alliot-Marie.

Sie stammen aus einem sehr gehobenen Milieu, das Sie auch in eine andere
Richtung hätte lenken können…

“Es gibt den Pöbel in allen Klassen“ (Hegel).

Warum Tarnac?

Fahren Sie hin, dann werden Sie verstehen. Wenn Sie nicht verstehen,
wird es ihnenniemand erklären können, fürchte ich.

Sie definieren sich als Intellektueller? Ein Philosoph ?

Die Philosophie wird geboren als redselige Trauer der ursprünglichen
Vernunft. Platon versteht bereits Heraklits Ausspruch als einer
vergangenen Welt entfallen. Im Zeitalter derverschwommenen
Intellektualität sieht man nicht mehr, was „der/die Intellektuelle“
bedeuten könnte, wenn nicht der/die Wissende um den Graben, der in
ihr/ihm dieFähigkeit zu denken von der Tüchtigkeit zu leben trennt.
Trübsinnige Titel eigentlich. Jedoch für wen eigentlich soll man sich
definieren?

Sind Sie der Autor des Buches „L ́insurrection qui vient“?

Das ist der ungeheuerlichste Aspekt dieser Vorgehensweise: ein Buch,
vollständig zu den Untersuchungsakten des Gerichts gelegt, die Verhöre,
wo man Sie dazu zu bringenversucht, zu sagen, dass Sie leben, wie es in
L ́insurrection qui vient beschrieben wird, dass Sie so auftreten wie in
L ́insurrection qui vient empfohlen, dass Sie Eisenbahnlinien sabotieren,
um des bolschewistischen Staatsstreichs im Oktober 1917 zu gedenken,
da es ja in L ́insurrection qui vient erwähnt wird, ein von der
Antiterrorabteilung einberufener Herausgeber.

Im Bewusstsein der Franzosen war es schon seit langer Zeit nicht mehr
vorgekommen, dass die Macht wegen eines Buches Angst bekam. Man
pflegte eher zu denken, dass, wenn die Linken mit Schreiben beschäftigt
seien, sie wenigstens keine Revolution machen würden. Die Zeiten ändern
sich, gewiss. Die historische Ernsthaftigkeit kommt wieder.

Worauf sich der Vorwurf des Terrorismus stützt, was uns betrifft, ist
die Verdacht des Übereinstimmung eines Gedankens und eines Lebens;
was wie der Bildung einer kriminellen Vereinigung, ist der Verdacht,
dass diese Übereinstimmung nicht auf individuelles Heldentum beschränkt
bliebe, sondern das Objekt einer gemeinschaftlichen Aufmerksamkeit
sei. Negativ ausgedrückt bedeutet das, dass man von denen, die mit
ihrem vollen Namen unterschreiben, keinen einer so heftigen Systemkritik
verdächtigt, diein der Lage wäre, die geringste ihrer festen Vorsätze
in die Praxis umzusetzen; dieBeleidigung ist riesengroß.
Unglücklicherweise bin ich nicht der Autor von L ́insurrection
qui vient – und diese ganze Affäre wird uns eher vollends vom im
wesentlichen polizeilichen Charakter der Funktion des Autors
überzeugen.

Dagegen bin ich ein Leser davon. Ich las es erst letzte Woche wieder,
und verstand besser die hysterische Bissigkeit, die mutmaßlichen Autoren
zu verfolgen, der man an höherer Stelle begegnet. Der Skandal dieses
Buches ist, das alles was es darin aufführt, rigoros, katastrophisch
wahr ist, und nicht aufhört, sich jeden Tag ein bisschen mehr
zubewahrheiten. Denn was sich bewahrheitet, unter dem Äußeren einer
„ÖkonomischenKrise“, eines „Vertrauensverlustes“, einer „massiven
Ablehnung der führenden Klassen“,das ist doch das Ende einer
Zivilisation, die Implosion eines Paradigmas: jenes der Regierung, die
alles im Westen reguliert – die Beziehung der Menschen untereinander
nicht weniger als die politische Ordnung, die Religion oder die
Organisation von Unternehmen. Es herrscht auf allen Ebenen der
Gegenwart ein gigantischer Verlust der Beherrschung, aus welcher
kein polizeilicher Voodoozauber einen Ausweg bietet.

Nicht dadurch, dass man uns mit Gefängnisstrafen, pedantischer
Überwachung,richterlichen Kontrollen und Kommunikationsverboten
mit der Begründung, wir seien dieAutoren dieser scharfsinnigen Bilanz,
durchbohrt, wird man zum Verschwinden bringen, was darin konstatiert
wird. Das Merkmal der Wahrheiten ist, dass sie, kaum verkündet,jenen
entkommen, die sie formulieren. Herrschende, es wird euch nicht im
geringsten damit gedient sein, uns vor Gericht zu zitieren, ganz im Gegenteil.

Sie lesen „Überwachen und strafen“ von Michel Foucault. Erscheint
Ihnen diese Analyse noch treffend?

Das Gefängnis ist wohl das schmutzige kleine Geheimnis der französischen
Gesellschaft,der Schlüssel, und nicht der vorzeigbarste Bereich der
sozialen Verhältnisse. Was sich hier konzentriert in einem kompakten
Ganzen, ist kein Haufen verwilderter Barbaren, wie man es gerne glauben
macht, sondern sehr wohl die Gesamtheit der Disziplinen, die nach außen
hin die so genannte „normale“ Existenz schmieden. Aufseher, Kantine,
Fußballspiele im Hof, Stundenplan, Unstimmigkeiten, Kameraderie, Prügelei,
Hässlichkeit der Architektur: man muss sich im Gefängnis aufgehalten
haben, um voll auszuloten, was die Schule, die unschuldige Schule der
Republik zum Beispiel an Gefängnishaftem enthält.

Aus diesem uneinnehmbaren Blickwinkel betrachtet, ist nicht das Gefängnis
einSchlupfwinkel für die Versager der Gesellschaft, sondern die
gegenwärtige Gesellschaft, die die Wirkung eines gescheiterten Gefängnisses
hat. Dieselbe Organisierung der Trennung, dieselbe Verwaltung des
Elends durch Shit, Fernsehen, Sport, und Porno herrscht überall
sonst mit zugegeben weniger Methode. Um es kurz zu machen, diese hohen
Mauern verbergen vor den Blicken nur diese Wahrheit einer explosiven
Banalität: das sind die Leben und die Seelen, gänzlich gleich, die sich auf
beiden Seiten der Stacheldrähte dahinschleppen, und aufgrund dieser.
Jagt man gierig nach „Insider“-Aussagen, um schließlich die Geheimnisse
zu lüften, die das Gefängnis verbirgt, ist es besser, das Geheimnis verborgen
zu halten das es ist: das eurer Knechtschaft, ihr, die ihr als frei geltet,
während ihre Drohung unsichtbar auf jeder eurer Geste lastet.

Die ganze tugendhafte Empörung, die die Niedertracht der französischen
Kerker und, einen nach dem anderen, ihre Selbstmorde umgibt, die ganze
grobe Gegenpropaganda der Strafvollzugsverwaltung, die sich für
die Kameras der sich für das Wohlergehen der Häftlinge aufopfernden
Wärter und der sich um den Sinn der Strafe sorgenden Knastdirektoren
in Szene setzt, kurz: diese ganze Debatte über den Schrecken der
Inhaftierung und die notwendige Humanisierung der Haft ist so alt wie
das Gefängnis. Es gehört sogar zu seiner Wirksamkeit, dass es erlaubt,
den Schrecken, den es einflößen soll, mit dem heuchlerischen Statut
„zivilisierter Strafe“ zu kombinieren. Das kleine System der Spionage,
der Demütigung und der Schäden, das der französische Staat fanatischer
als jeder andere in Europa um den Häftling herum anordnet, ist nicht
einmal mehr skandalös. Der Staat zahlt täglich hundertfach in den
Vorstädten, und das ist ganz offensichtlich nur ein Anfang:
die Rache ist die Hygiene des Pöbels.

Doch der bemerkenswerteste Betrug des Justiz-Strafvollzugs-Systems
besteht gewiss darin, dass es behauptet, da zu sein, um die Kriminellen
zu bestrafen, während es nur dieIllegalismen verwaltet. Irgendein Chef
- und nicht nur der von Total – irgendein Präsident des obersten Rates
eines Departements – und nicht nur der der Hauts-de-Seine – ,irgendein
Bulle weiß, dass es Illegalismen geben muss, um korrekt seinen Beruf
ausüben zu können. Das Chaos der Gesetze unserer Tage ist solcher Art,
dass man gut daran tut, sie nicht zu sehr zu respektieren, und die
stups (*), auch sie, tun besser daran, den Verkehr lediglich zu regeln
und nicht zurückzuhalten, was sozial und politisch selbstmörderisch
wäre.

Die Aufteilung verläuft jedoch nicht, wie es die juristische Fiktion
gerne hätte, zwischen dem Legalen und dem Illegalen, zwischen den
Unschuldigen und den Kriminellen, sondern zwischen den Kriminellen,
die als geeignet zur Strafverfolgung beurteilt werden und jenen, die
man in Ruhe lässt, so wie es die Generalpolizei der Gesellschaft fordert.
Die Rasse der Unschuldigen ist seit langem ausgestorben, und die Strafe
ist nicht das, wofür ihr die Justiz verurteilt: die Strafe ist die Justiz
selbst, so kann es für meine Gefährten und mich doch nicht darum gehen,
„unsere Unschuld zu beteuern“, wie die Presse es rituell aufgegeben hat
zu schreiben, sondern die gewagte offensive Politik, welche diese ganze
üble Verfahrensweise begründet, in die Flucht zu schlagen. Hier sind einige
der Schlussfolgerungen vom Gefängnis Santé aus, nach welchen der Verstand
dazu neigt, Überwachen und strafen wieder zu lesen. Man kann nicht zu
sehr vorschlagen, in Anbetracht dessen, was die Foucaldianer seit zwanzig
Jahren aus den Arbeiten Foucaults machen, sie in Pension zuschicken, für
einige Zeit, hierher.

Wie analysieren Sie das, was Ihnen passiert?

Da irrt Sie sich gewaltig: was uns passiert, meinen Gefährten und mir,
passiert Ihnen ganz genauso. Das ist übrigens hier die erste
Mystifizierung der Macht: neun Personen werden verfolgt im Rahmen
eines juristischen Verfahrens „der Organisation von Übeltätern in
Verbindung mit einem terroristischen Unternehmen“, und müssen sich
besonders betroffen fühlen von dieser schweren Anschuldigung.
Aber es gibt keine „Affäre Tarnac“, genausowenig wie es eine
„Affäre Coupat“ oder eine „Affäre Hazan“ (Herausgeber von
L ́insurrection qui vient) gibt. Was es gibt, ist eine schwankende Oligarchie
in jeder Hinsicht, die wild wird, wie jede Macht wild wird, wenn sie sich
reell bedroht fühlt. Der Prinz hat keine andere Stütze mehr als die Angst,
die ihn beeinflusst, wenn sein Anblick in den Menschen nichts mehr
hervorruft als Hass und Verachtung.

Was wir vor uns haben, ist eine Weggabelung, gleichzeitig historisch
und metaphysisch: gehen wir von einem Paradigma der Regierung über
zu einem Paradigma, in dem wirleben, um den Preis einer grausamen aber
erschütternden Revolte, oder lassen wir auf der planetarischen Ebene
diese Klimakatastrophe zustande kommen, wo unter der Fuchtel einer
Führung „ohne Hemmungen“ eine imperiale Bürgerelite und plebejische
Massen, die weitab von allem gehalten werden, koexistieren. Es ist ja
doch tatsächlich ein Krieg, ein Krieg zwischen den Nutznießern der
Katastrophe und denen, die vom Leben eine weniger skeletthafte
Vorstellung haben. Es wurde noch niemals eine herrschende Klasse
gesehen, die sich selbst aus Gutherzigkeit umgebracht hätte.
Die Revolte hat Voraussetzungen, sie hat keinen Grund. Wieviel braucht
es von Ministerien der nationalen Identität, Entlassungen nach Art von
Continental, Massenverhaftungen der Sans-papiers oder politischer
Oppositioneller, von der Polizei kaputtgemachte Kinder in den Vorstädten
oder Minister, die denen, die noch ihre Uni besetzen, damit drohen, ihnen
ihre Diplome zu entziehen, um sich zu entschließen, dass ein solches Regime,
auch wenn durch eine Volksabstimmung mit demokratischem Anschein
eingesetzt, keine Existenzberechtigung hat und es einzig verdient,
gestürzt zuwerden? Dies ist eine Frage der Sensibilität.

Die Knechtschaft ist das Untolerierbare, das bis in alle Ewigkeit
toleriert werden kann.Weil dies eine Frage der Sensibilität ist und diese
Sensibilität unmittelbar politisch ist (nicht im Sinne, dass man sich fragt
„wen werde ich wählen?“, sondern „ist meine Existenz vereinbar damit?“),
ist es für die Herrschaft eine Frage der Anästhesie, worauf sie mit der
Verwaltung unaufhörlicher massiver Dosen von Vergnügung, Angst und
dummem Zeug antwortet. Und da, wo die Anästhesie nicht mehr wirkt,
versucht diese Ordnung, gegen die zu revoltieren sich alle Gründe
gesammelt haben, uns davon abzubringen durch einen kleinen passenden
Terror.

Wir, meine Gefährten und ich, sind nur eine Variable in diesem
Ausgleichsprozess. Man verdächtigt uns wie viele andere, wie viele
„Jugendliche“, viele „Banden“, uns mit einer Welt, die einstürzt,
zu entsolidarisieren. An diesem einen Punkt lügt man nicht. Diesem
Klumpatsch von Betrügern, Hochstaplern, Industriellen, Finanziers
mit Töchtern, dieser ganze Hof des Mazarin unter Neuroleptika, des
Louis Napoléon in Disney-version, des Sonntags-Fouché, der zur Zeit an
der Macht ist, fehlt es zum Glück am elementarsten dialektischen Sinn.
Jeder Schritt, den sie in Richtung Kontrolle über alles machen, bringt
sie ihrem Scheitern näher. Jeder neue „Sieg“, dessen sie sich rühmen, streut
den Wunsch ein bisschen weiter aus, sie auf ihrer Verliererrunde zu sehen.
Mit jeder Maßnahme, durch welche sie sich vorstellen, ihre Macht zu
stärken, werden sie noch verhasster. In anderen Worten:
die Lage ist hervorragend. Jetzt ist nicht der Moment, den Mut zu verlieren.

Themen gesammelt von Isabelle Mandraud und Caroline Monnot
der Artikel erschien in der Ausgabe vom 26.5.09

(*) brigade des stupéfiants – Drogenpolizei